Die Niobe beim Raffen der Segel

Das Schulschiff Niobe

 

Gegen Mittag kommt ein Unwetter auf. Graugelb ist der Horizont nach Westen zu, die Luft ist mit Elektrizität geladen. Vor dieser Wetterfront sehen wir das derzeit größte Flugzeug Deutschlands, die zwölf-motorige Dorniermaschine - DO X - vor­beiziehen. Doch es bleibt keine Zeit, dieses Schauspiel lange zu betrachten. Denn schon schallt das Kommando: "Steuerbordwache Obersegel bergen" über Deck. Vorsichts­halber läßt der Kommandant die Bram-und Obermarssegel festmachen, um dem zu erwartenden Sturm weniger Angriffsfläche zu bieten. Als ich oben auf der Bramrah stehe, ist die Sonne schon hinter grauen Sturmwolken verschwunden, ein Sturm ist aufgekommen, so daß die Segel stark schla­gen und kaum zu bändigen sind. Doch ge­lingt .es uns schließlich, die Segel einzurol­len und an der Rah festzumachen.

 

Nach der Mittagspause hat der Dienst nun wieder begonnen. Die Backbordwache ist unter Deck zum Unterricht angetreten, während wir an Oberdeck Dienst tun. We­gen des aufkommenden schlechten Wetters sollen wir Ölzeug holen. Neben dem Vor­topp befindet sich das enge Luk, das zu der Last führt, in der das Ölzeug dicht an dicht hängt. Alle meine Kameraden sind schon hinuntergestiegen, ich als Kleinster der Korporalschaft und damit letzter will ge­rade den Niedergang herabsteigen, da legt sich das Schiff so hart nach Backbord über, daß ich gegen das an Oberdeck gespannte Strecktau geschleudert werde. Wasser gur­gelt um mich herum. Mit Mühe gelingt es mir, mich am Strecktau bis zur Back zu zie­hen, die noch ganz aus dem Wasser ragt. Dort klettere ich die Reeling, die sich Achterkante Back befindet, wie an einer Leiter empor, da das Oberdeck nun senk­recht steht, und setze mich auf den Steuer­bord Walfischrücken, um die Entwicklung der Dinge abzuwarten.

Ein alter Oberbootsmann versucht durch ein Bullauge aus dem Unteroffiziers­raum herauszukommen. Wir helfen ihm, aber er ist zu breit, und ehe andere Maß­nahmen getroffen werden können, ist uns das Schiff unter den Füßen weggesunken. Nur der Klüverbaum ragt noch senkrecht aus dem Wasser, und oben auf der Spitze steht ein alter Obergefreiter, der noch vor kurzem äußerte, ein Seemann brauche nicht schwimmen zu können; denn gehe das Schiff unter, nütze einem die Schwimm­kunst auch nichts mehr. Viele der alten Seeleute von der Stammbesatzung hatten diese Auffassung. Jetzt versuchen sie, sich im Wasser an allem festzuhalten, was greif­bar ist, auch an den schwimmenden Kame­raden. Ich setze mich daher ein paar Meter ab.

 

Das Schulschiff vor dem Unglück

Das Schulschiff kurz vor dem Unglück

 

Die Wasseroberfläche ist bedeckt mit Bohnen und Gurken, die an Oberdeck gelagert waren und aufgeschwommen sind. In seiner Verzweiflung greift jetzt mancher dieser armen Teufel danach, und es ist ein grotesker, trauriger Anblick, wie sie mit den Wellen kämpfend in jeder Hand eine Gurke halten. Es gelingt kein Rettungsboot mehr loszumachen. Einigen Kameraden, die besonders gute Schwimmer sind, gelingt es, aus den Wohnräumen herauszukom­men, bis das Schott durch die sehr starke Grundströmung zuschlug.

 

Inzwischen tobt der Orkan mit Windstärke 12 auf der See. Schwere, kurze Brecher überspülen mich fortwährend. Neben mir sehe ich einen meiner Kameraden un­terschneiden; ich will ihm helfen; doch der nächste Brecher trennt uns, ich habe ihn nie wiedergesehen. Ich versuche, mir nun Schuhe und Kleider auszuziehen, schlucke dabei aber so viel Wasser, daß ich es auf­gebe. Zum Glück muß ich das Seewasser,das in den Magen gekommen ist, immer wieder ausbrechen. Zufällig treibt ein Rie­men eines der Rettungsboote des gesun­kenen Schiffes auf mich zu, den ich mir unter den Arm klemme. Da sehe ich am Horizont einen Dampfer auf uns zukom­men. Fest bin ich überzeugt, daß er uns aufnehmen wird. Ein Kamerad, der in mei­ner Nähe schwimmt, ruft: "WDL (Weiter durch die Linie) beim Kommandanten sammeln." Nicht weit von mir erkenne ich eine größere Gruppe, auf die ich zuhalte. Der Kommandant ist unter den Schwim­mern. Hier herrscht eine prima Kamerad­schaft. Diejenigen, die schon erschöpft sind, bekommen von anderen Riemen, Holzfäs­ser und ähnliche Gegenstände, um sich daran festzuhalten.

 

Der Kapitän der THERESIA L.M. RUSS hat das Unglück wohl geahnt, weil das Segelschulschiff plötzlich verschwunden war, und hält auf die Untergangsstelle zu. Aber in der starken Strömung des Beltes waren wir längst weit abgetrieben; erst das "Notsignal" des Oberbootsmannes gibt ihm wieder einen Anhalt über den Verbleib der Schiffbrüchigen. Die THERESIA L.M. RUSS verständigt nun auch das Fehmarn-Belt-Feuerschiff, und bald kämpfen sich zwei Rettungsboote durch die aufgepeitschte See auf uns zu. Mühsam wird einer nach dem anderen an Bord gezogen.

 

Ich helfe einem Freunde, als er das Boot erreicht hat. Doch da er aus der ge­sunkenen NIOBE aufgetaucht war und noch eine Stunde in schwerstem Seegang geschwommen hatte, verlassen ihn die Kräfte, als er sich gerettet glaubt. Andere packen mit an, und nur mit viel Mühe ge­lingt es uns, ihn zu retten. Auf der THERESIA L.M. RUSS gibt man uns trockene Kleider und läßt uns im Maschinenraum vor den Kesseln unseren Körper aufwärmen, während ein heißer Kaffee angenehm die Lebensgeister weckt.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Karl-Wilhelm Klahn

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